Sprachbücher zum Zürichdeutschen

ÜBERSICHT

Zürichdeutsch kurz und bündig (2006)

Dieser schriftdeutsch abgefaßte Querschnitt durch die zürichdeutsche Sprache orientiert über alle wichtigen Erscheinungen: Woher das Zürichdeutsche kommt und wie es sich entwickelt hat. Er enthält einen Abriß der zürichdeutschen Literatur mit vielen Textbeispielen, er zeigt Abweichungen gegenüber der Schriftsprache, und er enthält eine Kurzfassung der Grammatik. Ein paar Alltagssituationen und weiterführende Literatur runden den Überblick ab. Ein Wortregister und ein Sach-/ Personenregister erschließen das Büchlein.

Jedermann spricht Dialekt

Seite 9f.

Umgangssprachen in ganz Europa waren bis ins 20. Jahrhundert hinein die Mundarten. Die alemannische 2 Schweiz hat diese Sprachsituation beibehalten. Der Dialekt wird nicht verachtet und nicht als Sprache der Unterschicht abgetan. Außerhalb ihrer Vorlesungen sprechen auch Professoren Dialekt - wenn nicht ein deutscher Kollege dabeisteht. Der Generaldirektor wie der Magaziner bedienen sich der Mundart, die Bundesrätin unterhält sich mit der Putzfrau im Dialekt, eventuell nicht im gleichen. Dies ist eine weitere Eigenheit: Jeder spricht seinen eigenen Dialekt und versteht den andern.
In Sitzungen wird Mundart gesprochen und Schriftdeutsch protokolliert. Bei panhelvetischen Zusammenkünften waren früher (wie noch im Berner Kantonsparlament) Schweizerdeutsch und Französisch die Verhandlungssprachen, das Protokoll dann je nach Redner mit schriftdeutschen und französischen Abschnitten.
Bei feierlichen Anlässen galt bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Regel, daß Ansprachen hochdeutsch gehalten wurden: bei Erst-August-Feiern, in Predigten und bei glanzvollen Veranstaltungen. Das Zürcher Kantonsparlament spricht noch heute schriftdeutsch. Im Gefolge wohl nach den Unruhen von 1968 kam eine neue Mundartwelle auf: Lokalradiosender und Fernsehstationen gingen zu den Dialekten über, die Predigten, die Ansprachen wurden Schweizerdeutsch gehalten. Der Automatismus, Deutschen Schriftdeutsch zu antworten, vermindert sich rasch, während man weiterhin leichter auf Englisch oder Französisch umschaltet - «switcht», wie man heutzutage sagt.
Da die Kinder der Schweizer und der Zugewanderten nach allgemeiner Ansicht schlecht Hochdeutsch sprechen, wird seit einiger Zeit Gegensteuer gegeben: Hochdeutsch soll schon im Kindergarten gesprochen werden und der Unterricht soll für alle Fächer Hochdeutsch
3 sein. Anderseits wird bereits in der Unter- und in der Mittelstufe Englisch und Französisch gelehrt; ob auch gelernt, ist eine andere Frage. Zurückstehen müssen die Dialekte. Englisch legt im innerschweizerischen Verkehr schriftlich und mündlich zu. Das würde auf die Länge einen entscheidenden Verlust für die schweizerische Identität bedeuten.Als der Deputierte abbé Henri Grégoire 1790 seine Sprachumfrage über die Kenntnis des Pariser Französischen machte, antwortete man ihm aus dem Languedoc: «Pour le détruire [le patois], il faudrait détruire le soleil, la fraîcheur des nuits, le genre d’aliments, la qualité des eaux, l’homme tout entier.»4 Dem abbé Grégoire dürfte der Satz wenig gefallen haben: er strebte eine französische Einheitssprache an.
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2 Die Bezeichnung «alemannisch» kam wohl mit Hebels «Allemannischen Gedichten» auf. Volkstümlich ist der Ausdruck in der deutschen Schweiz jedoch nie geworden, während das welsche Fernsehen gerne von der «Suisse alémanique» spricht.
3 Schriftdeutsch lernen heutige Kinder von deutschen Fernsehsendern und verlernen es wieder in der Schule.
4 Henriette Walter, Des mots sans-culottes, Paris 1989, Seite 21
118 Seiten
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ISBN 3-908105-66-8
vergriffen